Wie ich aus Versehen das Meer salzig machte

Es war vor Urzeiten, gar nicht lange nachdem sich die Ozeane aus einem mächtigen Schauer von schmelzenden Eisasteroiden formten, da trug sich die folgende Geschichte zu. Besagte Eisasteroiden kreuzten damals noch häufiger die Umlaufbahn der Erde. Der Rest, der nicht auf unseren Planeten niederging, ist aber mit der Zeit von der Sonne verdampft worden. Aber darum geht es hier ja gar nicht, sondern um eine Reise, die ich damals auf einem der frischen, neuen Meere unternahm. 

Ja, es gab schon Reisen. Es gab sogar schon Tourismus, Handel und das Handwerk. Das alles zusammen führte letztendlich dazu, dass ich als Leichtmatrose auf der „Großen Berta“ anheuern konnte. Ich hatte schon ein paar Jahre Erfahrung in der Schifffahrt und konnte bei so manchem Frachter oder altmodischen Handelsschiff anpacken. Doch als ich einmal im heutigen Hamburg Station machen musste, lag sie von einem Tag auf den anderen vor Anker: die „Große Berta“.

Wer sich auf der „Großen Berta“ verdingt machte, konnte sich die Matrosenprüfung sparen. Ja, wer auf ihr gute Leistungen zu erzielen wusste, konnte auf einem normalen Handelsschiff direkt als Betriebsmeisterin oder Betriebsmeister anfangen. Denn die „Große Berta“ war so kolossal, so weitläufig, so voll mit verschiedenster Arbeit und unterschiedlichsten Verantwortungen, dass es eine gehörige Menge an Disziplin, Planung und Selbstkontrolle brauchte, um auf ihr zu bestehen.

Wann immer sie mit ihren knapp zwei Kilometern Länge und den 400 Meter Breite an der weitesten Stelle über die Meere schipperte, da hatte sie Unmengen an Waren geladen. Neben Artikeln des täglichen Bedarfs konnten darunter auch lebende Tiere, palettenweise Nahrung und Getränke, Kutschen und Schlitten, Kleidung und Schuhe sowie für den Bezug neu zu besiedelnder Landstriche ganze Gewächshäuser voller Nutz- und Zierpflanzen sein. Und dann war immer noch Platz für ein ganzes Dorf samt Hütten sowie den Eisvorrat tausender Kühlschränke.

Außer an dem Tag, an dem ich anheuerte… Was ich nämlich nicht wusste, war, dass ich mir für meine Arbeitserfahrung auf der „Großen Berta“ die alle fünf Jahre stattfindende Brezelwanderung aussuchte. Diese heute nicht mehr geläufige Tradition brachte in der damaligen Vorhandelszeit die einmaligen Brezeln aus dem heutigen Bayern auf den ganzen europäischen Kontinent. Von den Bäckereien und Brezelfabriken zogen Händler, Abenteurer und teils ganze Familien aus, um das salzige Laugengebäck bekannt zu machen. So erfolgreich, dass mit dem Handel zur See die gedrehten Teigwaren hellen Anklang in aller Welt fanden.

Als ich an jenem klaren Morgen, der einen sonnigen Tag versprechen sollte, an Bord ging, trug ich mich in die Liste der Freiwilligen-Besatzung ein. Schon da staunte ich: Wir sollten in Bälde ablegen, aber auf der Liste standen lediglich zwanzig Namen. Und außer den aufgelisteten Matrosinnen und Matrosen gab es – sah man von der Stammbesatzung wie dem Kapitän, den Offizierinnen und Offizieren sowie dem Ruderpersonal einmal ab – keine weiteren Eintragungen. Ich fand auch keine Passagierin oder einen Passagier. 

Eine der diensthabenden, aber wortkargen Offizierinnen wies mich dem Frachtraum zu. Vom Deck aus war dieser sehr leicht zu finden. Man möchte meinen, dass es auf so einem großen Schiff genügend Möglichkeiten gegeben hätte, sich zu verlaufen oder aus Versehen im falschen Bereich zu landen, wo man dann tagelang herumirrte. Aber falsch gedacht, denn die „Große Berta“ war klar strukturiert, frei von überflüssigen Gängen und Räumen sowie überall mit Pfeilen, Wegweisern und Karten ausgestattet. Ein Blick auf den „Sie sind hier“-Punkt genügte und man konnte sich eindeutig verorten.

So gelangte ich schnell in den Frachtraum und erblickte den größten Berg an Brezeln, der wohl jemals in der Geschichte dieses Planeten aufgetürmt wurde. Das mit grobem Salz besprenkelte Laugengebäck lagerte hier zu Millionen und Abermillionen. Ich konnte den Gipfel des Berges nicht ausmachen und auch die Länge des braun-weißen Gebildes wusste ich auf Anhieb nicht einzuschätzen. Klar, ich wusste um die Länge des Schiffes bescheid – das wussten alle, die auch nur im Ansatz im maritimen Bereich zu tun hatten. Allein die schiere Masse an Brezeln hatte mich sprichwörtlich erschlagen.

»Sind ganz schön viele Brezeln, was?«, hörte ich da eine Stimme hinter mir sagen. Ich drehte mich, immer noch einigermaßen verdattert, herum und blickte in das freundliche Gesicht eines alten Mannes.

»Ja«, brachte ich heraus. »Das ist ein mächtiger Berg Brezeln…«

Der Mann schloss zu mir auf und blickte auf die Unmasse an Gebäck. Auch ich drehte mich wieder in dessen Richtung und war abermals davon überrascht – obwohl ich nur kurz weggesehen hatte. 

»Und weißt du, was das Verblüffendste ist?«, fragte der Mann.

»Ähm, nein. Was denn?« – ich hatte ja keine Ahnung!

»Das Verblüffendste ist, dass das hier – all die Brezeln, die du hier siehst –«, er beschrieb einen weiten Bogen mit beiden Armen. »… dass das nur die Hälfte der Fracht ist.«

Ich muss ihn so verblüfft und gleichzeitig so vollkommen blöde angeschaut haben, dass er sofort in ein schallendes Gelächter ausbrach. Er hielt sich seinen zwar nicht sehr großen, aber doch unter dem fleckigen Hemd sichtbaren Bauch. Der ganze Körper bebte und seine halblangen grauen Haare, welche die glänzende Halbglatze auf seinem Kopf umrandeten, wackelten auf und ab.

»Haha! Das muss dann wohl deine erste Brezelwanderung mit der Großen Berta sein, was?«

»Ja, ich bin bisher nur Leichtmatrose auf viel kleineren Schiffen gewesen und wollte mir hier ein bisschen Kredibilität… naja, Sie wissen schon. Aber scheinbar muss ich noch einiges dazulernen.« – Ich versuchte, so ehrlich wie möglich zu sein.

»Kein Problem«, sagte der Mann mit einem gewinnenden Grinsen. »Wir haben alle mal klein angefangen. Was denkst du, wie hoch dieser Raum hier ist?«

Ich schaute hinauf zur Decke, über der das Deck der „Großen Berta“ zu finden war. Dann schaute ich auf den Steg, auf dem wir standen und der rund um den Brezelberg verlief, genau einmal an der Innenwand des Schiffes entlang. Dann sah ich nochmal nach oben und wendete meinen Blick dann wieder dem alten Matrosen zu.

»Naja, ich schätze mal so einhundert Meter oder etwas mehr. Zweihundert werden es nicht sein.«

»Keine schlechte Schätzung, Leichtmatrose. Es sind so ziemlich genau einhundert und fünfzig Meter. Und was sagt uns das?«

Ich überlegte kurz, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: »Unter uns ist noch ein weiterer Lagerraum.«

»Exakt! Und dort lagern die weiteren Brezeln.«

»Wow!«, machte ich.

»Beeindruckend, nicht wahr? Komm, ich zeig dir unseren Arbeitsplatz.« 

Ich folgte dem Mann über den Steg, der am inneren Rand des Schiffes verlief. Am Rand standen Kisten mit Proviant, Wasser, Decken, Flickzeug sowie auch große Stapel mit Bretten, neben denen Kisten voller Nägel standen. Eine Vorsichtsmaßnahme, falls die „Große Berta“ mal Leck schlug. Das konnte bei einem Angriff der damals noch lebenden Urnarwale passieren, aber auch durch einen Kursfehler, der das Schiff auf Felsen, ein Riff oder ein übersehenes Fischerbötchen führte.

Wir kamen an unserem „Arbeitsplatz“ an. Ich schreibe ihn in Anführungszeichen, weil er im Grunde nur aus zehn Hängematten und einer Treppe nach unten bestand. Unsere acht Kolleginnen und Kollegen waren schon da und lungerten in ihren schwebenden Schlafmöglichkeiten. Ein paar lasen, andere dösten. Die, die uns bemerkten, grüßten kurz und wandten sich dann wieder ihrem Zeitvertreib zu.

»Das ist unser Arbeitsplatz?«, fragte ich schon wieder recht verdattert.

»Ja«, lachte mein neuer Kollege, der mich zu den Hängematten geleitet hatte.

Eine der Matrosinnen, eine junge Frau mit langen roten Haaren, die nicht älter als ich sein konnte, schaute von ihrer Lektüre auf: »Erste Brezelwanderung zur See, was?«

»Ja, das erste Mal. Ähm, was… also was ist unsere Aufgabe?« – ich hatte wirklich gar keine Ahnung. Und das zeigten mir einige der Herumlungerten mit einem Grinsen oder sogar lautem Lachen.

»Wir sichern hier nur die Ware«, erklärte dann aber die Matrosin mit dem Buch. »Oder anders gesagt: Wir schauen zu, wie der Brezelberg sich in den Wellen wiegt und bei Sturm schmeißen wir ein Netz drüber, damit nicht alles herumfliegt. Wenn du es etwas anstrengender willst, kannst du sicher mit den Leuten im Lagerraum unter uns tauschen.«

»Warum, was ist deren Aufgabe?«, fragte ich.

»Im Grunde das Gleiche! Nur ist die Luft hier unten stickiger!«, tönte es die Treppe hinauf zu uns. Dann grölten alle und ich quälte mir auch ein Lachen ab, um nicht zu zeigen, wie doof ich mir vorkam. Zu meinem Glück wurde die Situation nicht noch unangenehmer, denn wir wurden allesamt aufs Deck beordert. So sah ich auch mal die Kolleginnen und Kollegen aus dem unteren Lagerraum, die nun die Treppe hinaufkamen. 

Auf Deck stellten wir uns in Reih und Glied und bekamen Anweisungen. Viele waren es nicht. Neben dem, was ich bereits erfahren hatte, kamen eigentlich nur ein paar Benimmregeln und Hinweise zum bereitgestellten Proviant hinzu. Es war uns untersagt, von den Brezeln zu naschen, außer im äußersten Hungerfall. Dieser sollte aber nicht eintreten, denn in zwei Wochen wären wir am Ziel. Der gelagerte Proviant reiche bei vorgesehener Verwendung für gut vier Wochen. Und das war es dann auch schon, wir wurden wieder an unseren „Arbeitsplatz“ geschickt.

Die „Große Berta“ nahm Fahrt auf. Niemand wusste, wie viele Leute dafür unter dem zweiten Lager an den Rudern saßen oder wie sie sie bewegten. Manche gingen von mühlenartigen Drehmaschinen aus, die durch Zahnräder und Ketten betrieben wurden, deren Antrieb wie bei einem Fahrrad aufgebaut war. Andere vertraten die sogenannte Hamsterradtheorie, welche wohl selbsterklärend ist. Nur eines war sicher: die Leute waren festangestellt und gut bezahlt, weil niemand für einen so harten Job anheuern wollte.

Schnell verließen wir den Hafen, glitten über das Wasser und machten uns auf den Weg zum heutigen Amerika. Besser gesagt: zum heutigen Südamerika, denn dieses spielte damals eine weit wichtigere Rolle als Nordamerika zur heutigen Zeit. Nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich. Vor allem für Brezeln gab es dort einen besseren Markt. Nicht, dass nicht jede und jeder gern Brezeln aß, aber in den Landen des damaligen Südamerikas zahlte man einfach am besten für das gedrehte Laugengebäck. Und der Handel reagierte darauf. 

Wir waren schon fünf Tage bei meist ruhiger bis mäßig bewegter See unterwegs. Ab und an ging eine Brise, aber einen richtigen Sturm hatten wir noch nicht erlebt. Das stimmte niemanden von uns ruhig, im Gegenteil. Die älteren in der Besatzung sprachen schon von der vielbesungenen Ruhe, die vor einem Sturm warnt. Ich persönlich glaubte aber nicht daran. Immerhin hatten wir mit einem Seegang bis zur Stärke 4 und mit Wind bis zur Stärke 5 zu tun. Was hatte das mit Ruhe gemein?

Am sechsten Tag sah es schon eher danach aus. Der Wind nahm über den gesamten Tag zwar langsam, aber doch merklich ab. Immer wieder gingen Einzelne an Deck, beobachteten die Wolken und den Seegang. Sie spähten in die Ferne, um eventuell Wolken am Horizont auszumachen, und besonders von sich überzeugte Seebären schnupperten sogar, ob sie nicht ein Gewitter riechen könnten. Doch alles was geschah, das war die Beruhigung der See und der beinahe Stillstand der Luft. Am Abend gingen die Sterne über uns auf. Ein schönes Bild, an das ich mich heute noch gerne zurückerinnere.

An diesem Abend gingen wir spät schlafen, sanken aber tief hinein in die Nachtruhe. Die Hängematten wurden nicht umher geschaukelt, der Brezelberg ruhte mächtig an seinem Platz und das einzige Geräusch war das des Dahingleitens der „Großen Berta“ im Wasser. Hier und da vielleicht ein Schnarchen von Seebärinnen und Seebären. Aber daran waren wir alle gewöhnt. 

RUMMS! machte es da mit einem Mal. Ich erschrak und im Halbschlaf dachte ich, dass ich vielleicht einen Albtraum hatte. Doch um mich herum waren schon alle in Aufruhr. Ich hörte auch entfernt Regen prasseln.

RUMMS! machte es noch einmal und da wurde mir klar: Wir stecken mitten in einem Gewitter! Während wir selig schliefen und von den am Abend noch klar erkennbaren Sternen träumten, da sammelten sich fette, schwarze Gewitterwolken über uns. Nun entluden sie ihre Blitze, die – RUMMS! – in direkter Nähe des Schiffes niedergingen und kurz grelles Licht durch Türen und Bullaugen schickten. 

Die „Große Berta“ schaukelte immer mehr. Ich hatte zu tun, um stehenden Fußes aus meiner Hängematte zu kommen. Ich schaute mich um, überall war man mit dem Entzünden von Laternen beschäftigt, die an Wänden und Balken baumelten. 

»Da hinten!«, rief mir die Matrosin zu, die mich am ersten Tag vorführte. Sie zeigte auf eine Kurbel an der hinteren Wand des Lagerraums. »Zieh das Netz hoch!«

Natürlich, jetzt mussten wir schnell handeln, um die Netze über die Brezeln zu bekommen. Ich rannte zur Kurbel und drehte sie wie verrückt. Das bewirkte, dass ich ein Seil aufrollte, welches das Netz für die Brezeln hochzog. Die salzigen Gebäckstücke rutschten und flogen teilweise auch schon ordentlich umher. Als ich meinen Teil des Netzes hochgezogen hatte und auch die Matrosin an ihrer Kurbel fertig war, rief sie abermals: »Jetzt auf die andere Seite! Das Netz drüber ziehen!«

Es war nicht ganz einfach auf dem immer mehr wankenden Schiff standhaft zu bleiben. Ich versuchte dennoch, so schnell wie möglich auf die andere Seite des Brezelbergs zu gelangen. Immer wieder rutschte ich weg, wurde gegen die Wand geworfen oder musste mir den Weg ertasten, weil auf einigen Abschnitten des Stegs noch keine Laternen angezündet wurden. Immer wieder gab es draußen ein RUMMS! – und dann zuckte ich unweigerlich zusammen.

Es kollerten auch immer mehr Brezeln auf den Steg. Der Berg war in Aufruhr – hier rauschte eine Brezellawine herunter, da ergoss sich ein Schwall aus Gebäck auf meinen Weg. Schließlich kam ich auf der anderen Seite an, wo ich ebenfalls eine Kurbel erwartete. Aber nichts da, es gab nur ein Tau, das an einem Haken verknotet war. Ich glaubte, in der Ferne meine Kollegin ausmachen zu können, die schon nach Kräften an ihrem Tau zog, und machte mich schnell ans Entknoten des meinigen.

Ich zog und zog, und langsam kam das vorher hochgekurbelte Netz über Rollen an der Decke auch auf diese Seite. Dass noch jemand anderes mitzog, bestätigte sich dabei. Denn nicht nur auf meiner Seite erstreckte sich nun die Abdeckung für unsere knusprige Ladung. Wir zogen immer weiter, während der Seegang zunahm, der Regen hörbar in Strömen an der Außenwand des Schiffes herunterfloss und es immer wieder ein RUMMS! gab. Schließlich war das Netz komplett herübergezogen. 

»Geh auf die Seite! Lös die Rollen!«, schallte es da wieder durch den Gewitterkrach zu mir herüber. Nun muss man wissen, dass die Netzkonstruktion des Brezellagers nicht sonderlich intelligent entworfen war. Nicht nur musste man das Netz auf einer Seite hoch- und auf der anderen hinüberziehen – nein, danach hing es noch immer in der Luft, weit über dem zu sichernden Gut. Erst wenn man es von den oben angebrachten Rollen löste und auch auf den Seiten vertäute erfüllte es seinen Zweck.

Als ich dabei war, die beschriebene Arbeit durch das Ziehen an weiteren Tauen zu erledigen, hörte ich unter mir dumpfes Pochen. Pock-Pock-Pock, dann kurz Stille und dann wieder Pock-Pock-Pock. Dann gab es wieder ein RUMMS! – das lauteste in der Nacht – und dann hörte ich aus dem unteren Lagerraum ein »Holt mehr Bretter!« und anschließend wieder Pock-Pock-Pock, Pock-Pock-Pock. Da wurde mir klar: die „Große Berta“ hatte Leck geschlagen.

Am Morgen ging die Sonne auf, so als wäre gar nicht viel geschehen. Das Meer hatte sich einigermaßen beruhigt, der Himmel zeigte große, blaue Fetzen zwischen leichten, weißen Wolken. Ich ging das erste Mal ins zweite Lager, welches unter anderem über die Treppe an meinem „Arbeitsplatz“ erreichbar war. Hier hatte sich in der Nacht zuvor Schreckliches zugetragen. Durch den harten Seegang und den aufkommenden Sturm, der scheinbar auch für die geübte Stammbesatzung der „Großen Berta“ überraschend kam, wurden wir vom eigentlichen Kurs abgedrängt. 

Die unfreiwillige Kursänderung hatte zur Folge, dass wir in ein flaches, felsiges Gebiet fuhren, nahe einiger Inseln, die es eigentlich weiträumig zu umschiffen galt. Das Schiff kam den Felsen zu nahe, sodass es immer wieder zu kleineren und auch größeren Kollisionen kam. Im unteren Lagerraum wurde daher die Bordwand aufgerissen. Kein Wunder also, dass wir das schwere Netz im oberen Lager zu zweit heben, ziehen und vertäuen mussten. Alle anderen waren eine Etage tiefer mit dem Flicken des Schiffs beschäftigt. 

Niemand wusste, wie es in den anderen Bereichen des Schiffes aussah. Im Antriebsraum – was auch immer da vorging – schien es keine größeren Schäden gegeben zu haben. Denn die „Große Berta“ glitt immer noch übers Meer und machte im Allgemeinen den gleichen Anschein wie das Wetter – nämlich, dass gar nicht so viel passiert sei. Schaute man sich aber die Bescherung im unteren Lager an, dann war einem anders zumute. Hier hielten unzählige Bretter und noch viel mehr Nägel die zerlöcherte Wand notdürftig zusammen. 

Das in der Nacht eingedrungene Wasser hatte zudem mindestens die Hälfte der hier gelagerten Brezeln vernichtet. Aufgeweicht und als salzig-laugige, trübe Suppe schwappten sie umher. Und sie drohten, auch noch den Rest zu vernichten, da dieser mit der Zeit sicher auch aufweichte. Bis zum Löschen der Ladung würde es immerhin noch über eine Woche dauern – den nötigen Kursausgleich nicht mit eingerechnet. 

»Aaaaachtung!«, rief es da entfernt. Es war die Stimme der Offizierin, die mich am ersten Tag in den oberen Lagerraum eingeteilt hatte. »Alle aufs Deck zur Lagebesprechung! Der Kapitän ruft aufs Deeeeck!« – und so begaben wir uns dorthin. Und uns wurde tatsächlich der seltene Anblick des Kapitäns zuteil, der sich – so hieß es in den Seefahrtskreisen – auf der „Großen Berta“ nur dann zeigte, wenn wirklich was im Argen lag.

Am Deck angekommen reihten wir uns auf und warteten auf den Kapitän. Dieser kam, nach einer repräsentativen Wartezeit, von der Brücke des Schiffs, die über dem Deck thronte, eine Treppe herunter. Er baute sich vor uns auf und straffte mehr mit seiner Wampe als mit seiner herausgestreckten Brust seine Uniformjacke. Dass er ungefähr so groß war wie ich, also recht durchschnittlich im Wuchs, half auch nicht gerade.

»Frauen und Männer!«, schnarrte er in einem gekünstelten Basston. »Die letzte Nacht hat einigen Schaden an unserem wunderschönen Schiff angerichtet. Aber wir sind auf Kurs und wir – ähm – drohen nicht zu sinken. Wir, und damit meine ich auch euch, müssen unser Bestes tun, um wachsam und sehenden Auges…«, er kramte in einer Hosentasche und holte ein paar vollgeschriebene Zettel hervor. »Wir müssen… wir müssen wachsam sein und sehenden Auges Gefahren entgegentreten, um sie bei Zeiten einordnen und überkommen zu können«, las er ab.

Aha. Das war also der Kapitän. Ein in künstlich tief gehaltener Stimme redender, vergesslicher Typ, der scheinbar mal irgendwo gehört hatte, dass man Leute warten lassen musste, um Respekt zu bekommen. Einer der Offiziere, die sich ebenfalls an Deck befanden, trat an den Kapitän heran und flüsterte ihm etwas zu. Dann entfernte er sich wieder. Der Kapitän blätterte durch seine Zettel aus der Hosentasche und räusperte sich dann.

»Also«, hob er an. »Wie uns natürlich nicht entgangen ist, hat unser schönes Schiff auf euren Decks ein paar Schäden genommen. Da wir mit der Brezelwanderung eine enorme Verantwortung übernommen haben, muss ich fragen: Ist bei dem Sturm in der letzten Nacht ein Schaden an der Ware entstanden?«

Niemand sagte etwas. Alle schauten nur zu Boden, so als ob ihre Schuhe plötzlich das Interessanteste der Welt wären. Hatte ich etwas verpasst? Wusste ich wieder zu wenig über die hiesigen Gepflogenheiten? Ich sah mich um, und alle hielten ihren Blick stur nach unten gerichtet. Ich sah die Offiziere und Offizierinnen an – auch sie schauten ein bisschen bedröppelt. Dann traf mein Blick den des Kapitäns.

»Du!« – er zeigte auf mich. »Erstatte mir Bericht.«

»Ja, also«, begann ich. »Im unteren Lagerraum gab es einige Schäden an der Außenwand und da ist natürlich auch Wasser eingedrungen…« 

Der Kapitän fixierte mich mit seinem Blick und kam einen Schritt auf mich zu. »Aha, und das heißt?«

»Nun, etwa die Hälfte der Brezeln ist mit Wasser in Berührung gekommen und jetzt aufgew…« – weiter kam ich nicht.

»WAS!?«, schrie der Kapitän, nun nicht mehr gekünstelt basslastig, sondern in einer eher fiepsigen Stimme. »Warum ist Wasser an die Brezeln geraten? Was könnt ihr eigentlich? Ihr habt genug Bretter und Nägel da unten, um das Schiff von Neuem aufzubauen und ihr schafft es nicht einmal, ein paar mickrige Löcher zu stopfen?«

Jetzt stapfte er auf mich zu und versuchte sich vor mir aufzubauen. Doch wir waren gleich groß und so konnte er mir nur mit so stark wie möglich gerunzelter Stirn grimmig in die Augen schauen. Ich konnte ihn nicht zu ernst nehmen, aber durch die Reaktion der anderen – nämlich weiterhin auf das Deck oder ihre Füße schauen – wusste ich auch nicht, ob nicht noch ein schlimmerer Ausbruch drohte.

Der Kapitän starrte mich weiter an. Dann knurrte er: »Wie viel der Ware hat Schaden genommen?«

»Nun… also…«, stotterte ich. »Im unteren Lager etwa die Hälfte, also insgesamt ein Viertel«, schoss es dann aus mir heraus.

»WAAAS!?«

Es war nichts passiert. Es gab keine Standpauke, keine körperliche Züchtigung, keine Anschuldigungen. Nichts. Der Kapitän verschwand über die Treppe wieder auf der Brücke des Schiffs und einige der Offizierinnen und Offiziere folgten ihm. Der Rest blieb auf dem Deck und wies uns an, uns wieder an die Arbeit zu machen. Wir wussten nicht so recht woraus sie bestehen sollte. Also schnappten wir uns Eimer, bildeten eine Kette und schippten die Brezelsuppe in kleinen Happen von Deck. Es zeigte kaum Wirkung, weil sehr viel davon zu entfernen war.

Nach einiger Zeit wies uns einer der Offiziere an, mit dem „Leeren des Lagers“ aufzuhören. Denn wir würden damit „die kostbare Ware verschwenden“. Ich fragte mich, was er damit meinte. Immerhin war ein Großteil der Brezeln im unteren Lager nur noch Suppe. Als was sollte man sie den weiter verkaufen? „Brezelsuppe – der letzte Schrei auf dem Snackmarkt“? Auch wenn wir die Brezeln in weite Ferne verschifften, die Leute dort wohnten nicht hinter dem Mond.

Und zurückverwandeln konnte man die Brühe ja auch nicht. Höchstens als Wasserersatz nutzen, um neue Brezeln zu backen. Wir diskutierten die Unsinnigkeit der Anweisung entsprechend in der Runde. Alle zwanzig saßen wir im oberen Lager und versuchten irgendwelche Lösungen zu finden. Na gut, zumindest einige von uns. Denn der Rest machte sich verrückt, weil der Kapitän einfach wortlos verschwunden war.

»Was, wenn er uns die Rationen streicht, um sie als Ausgleich zu verkaufen?«

»Was, wenn er ausrechnet, wie viel Schaden der Verlust bedeutet und wir es ihm nachzahlen müssen?«

»Was, wenn er uns alle kielholen lässt?«

Ich beteiligte mich nicht an diesen Spekulationen. Ich wollte eher lösungsorientiert diskutieren. Wir mussten uns eine Möglichkeit ausdenken, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Oder besser noch: wir mussten den Schaden direkt vor Auslieferung der Ware wieder gut machen. Zumindest mussten wir ihn vertuschen. Oder gab es nicht eine Möglichkeit, den Preis für die Brezeln zu erhöhen, um den Verlust auszugleichen? Wahrscheinlich nicht, weil die Importsnacks bestimmt so oder so schon teuer genug waren.

Und dann kam mir eine Idee – ein Geistesblitz sozusagen! Ich stürmte aus dem Lager an Deck. Schnell fand ich einen der Offiziere.

»Ich muss sofort zum Kapitän!«, brabbelte ich los. »Ich hab die Lösung. Ich weiß, wie wir die Ware retten und die Verluste minimal halten können. Ich weiß, wie wir sogar noch mehr Gewinn machen können. Ich muss sofort zum Kapitän. Ich hab die Lösung«, und ich hörte nicht mehr auf zu brabbeln.

Nachdem ich dem Offizier einigermaßen verständlich gemacht hatte, was ich wollte, teilte er meinen Plan dem Kapitän mit. Dieser kam nochmal von seiner Brücke, um ihn sich persönlich anzuhören. Schade eigentlich, ich hätte gern mal die Brücke und die Aussicht von da oben gesehen. Naja, zumindest war er von meinem Plan angetan und wies mich an, ihn so schnell wie möglich umzusetzen – also, jenen Teil, der an Bord umsetzbar war. Um den Rest würde er sich mit seiner Besatzung kümmern. 

»Hört mal her, ich habs!«, rief ich den anderen zu als ich ins Lager hineinstürmte. 

»Meine Güte«, sagte da der alte Matrose. »Wir dachten schon, du hättest dich von Bord gestürzt, so schnell wie du rausgerannt bist. Hast wohl Angst bekommen, weil wir nicht wissen, was der Kapitän so vorhat?«

»Nein, nein. Alles gut. Ich hab mit ihm gesprochen und er hat sich meine Idee angehört. Und jetzt ist alles gut, aber wir müssen direkt loslegen« – ich brabbelte schon wieder vor mich hin. Vielleicht ein bisschen zu schnell.

»Komm erstmal runter. Setz dich und erzähl in Ruhe«, sagte die Matrosin, mit der ich das Netz gespannt hatte. Und so setzte ich mich auf den Boden, atmete tief durch und begann, meinen Plan auszubreiten.

»Also…«, begann ich nun etwas ruhiger. »Als erstes müssen wir die Brühe aus dem unteren Lager an Deck bringen und dort ausbreiten. Gerade scheint ordentlich die Sonne – also trocknet auch alles ganz schnell. Die Brezelstücken und Krümel können wir dann als transportbedingte Schäden verbuchen. Wir kehren das einfach alles zusammen und schütten es dann wieder mit auf den Berg.«

Das leuchtete allen soweit ein. Nur war niemand davon begeistert, erst einmal Eimer für Eimer die Brezelsuppe an Deck zu bringen, um sie dann dort zum Trocknen auszukippen. Es wurde sich auch direkt darum gestritten, wer dann am Ende den angetrockneten Brezelbrei zusammenkehren sollte. Schließlich wurde beschlossen, das per Schere-Stein-Papier auszulosen, und ich konnte weiter erzählen.

»Wenn das untere Lager dann einigermaßen geleert ist, trennen wir das Salz von den Brezeln. Oben lagern wir die salzlosen Gebäckstücke und unten das ganze Salz. Naja, und wahrscheinlich auch ein bisschen Gebäck, wir werden nicht alles genau aufteilen können. Aber so wird hauptsächlich das Salz nass, falls es nochmal ein Leck gibt – und Salz lässt sich durch Trocknen besser wieder in seine Ausgangsform bringen als Backwaren.«

Auch das leuchtete allen ein, auch wenn niemand Lust darauf hatte, das Salz von mehreren tausend Kubikmetern Laugengebäck zu pulen. Alle hatten für die transatlantische Brezelwanderung auf der „Großen Berta“ angeheuert, weil sie sich mit möglichst wenig Aufwand etwas dazu verdienen wollten. Und jetzt sollten sie so eine pfriemelige Aufgabe erfüllen. Euphorisch war da verständlicherweise niemand.

»Aber verlieren die Brezeln dann nicht an Wert?«, fragte die Matrosin mit dem Buch. »Wie sollen wir sie am Zielhafen verkaufen, wenn es einfach nur gedrehte Laugenstangen ohne Salz sind?«

»Auch darüber habe ich mit dem Kapitän gesprochen«, antwortete ich. »Wir machen einfach vor Ort eine Show aus der Wiedervereinigung von Brezeln und Salz. Wir lassen ein Gebiet am Hafen absperren, in dem uns die Leute beim Bestreuen der Brezeln zuschauen können. Dafür verlangen wir dann Eintritt, um den Verlust auszugleichen. Verkauft wird das unter dem Frischeaspekt und als Vorstellung der traditionellen Backkunst und so weiter.«

»Das ist Betrug«, stellte der alte Matrose nüchtern fest.

»Oder Schadensbegrenzung«, versuchte ich zu argumentieren. »Außerdem müssen die Leute sich das nicht ansehen. Vielleicht wird keine einzige Person Eintritt bezahlen und wir bleiben auf den Kosten sitzen. Aber immerhin müssen wir dadurch am Ende nichts teurer machen.«

Der alte Matrose schnaufte nur. Er schien sich die Sache überlegen zu müssen. Auch die anderen Matrosinnen und Matrosen waren nicht so wirklich überzeugt. Klar, es war ein komischer Plan. Es war alles improvisiert und zusammengestückelt. Aber im Großen und Ganzen sollten die einzelnen Maßnahmen dazu führen, dass wir am Ende unsere Bezahlung sichern konnten. Denn würde der Kapitän mit seiner beschädigten Ladung nicht den geplanten Gewinn einspielen, könnte er uns auch nicht wie geplant bezahlen. Vielleicht würden wir komplett leer ausgehen.

Vor allem letzteres leuchtete allen ein, und deshalb machten wir uns dann auch an die Arbeit. Trotzdem wir uns in Reihe aufstellten und Eimer für Eimer durchreichten, brauchten wir fast einen halben Tag, um das Wasser aus dem Schiffsrumpf zu befördern. Die Sonne schien draußen wirklich unablässig, wodurch die auf das Deck geschüttete Brühe auch schnell trocknete.

Um den Wasserschaden hatten wir uns nun also gekümmert. Als nächstes brachten immer zwei Leute ein paar Brezeln vom unteren ins obere Lager. Auf dem Rückweg nahmen sie je zwei Eimer voller Salz, die wir anderen achtzehn in der Zwischenzeit füllten, mit hinunter. Ich weiß gar nicht, wie lange wir daran gesessen haben. Zweimal haben wir zwischendrin geschlafen, aber ich kann nicht sagen, ob es die reguläre Nachtruhe oder einfach nur eine Erschöpfungserscheinung war.

Irgendwann nach einigen Tagen, wir rechneten zumindest dem Gefühl nach mit der baldigen Ankunft am Zielhafen, waren wir schon ganz zufrieden mit unserer Arbeit. Das untere Lager schimmerte und glitzerte, so randvoll mit grobem Salz war es gefüllt. Das obere Lager war nun über und über gefüllt mit salzlosen Brezeln. Das Netz, das wir zum Erreichen der Backwaren wieder abgenommen hatten, diente nun dazu, einen noch viel größeren und fortwährend schwankenden Berg zusammenzuhalten. Fest vertäut wiegte sich alles in den Wellen.

Das wir in Gedanken an die finanzielle Schadensbegrenzung einen riesengroßen Fehler gemacht hatten, realisierten wir erst, als das zweite Gewitter unserer Reise aufzog. Genau auf Kurs hingen fette, dunkelgraue Wolken auf uns, die nur auf den richtigen Augenblick warteten, um das in ihnen festgehaltene Wasser über uns loszulassen. 

Wir rannten alle mit Schaufeln, Besen und Eimern bewaffnet an Deck, um die getrockneten Brezelreste aufzuklauben und trocken ins Lager zu bringen. Wir ackerten wie blöde. Am Ende brachen zehn Leute einfach nur die angebackene Kruste auf, und die anderen zehn fegten sie ins Lager. Mit Eimern hätten wir das alles nie geschafft. Und so – wieder durch eine unkonventionelle Idee gerettet – hatten wir alles vom Deck gefegt bevor wir in den Sturm fuhren.

Das Gewitter zu umschiffen oder fernab davor auszuharren, das war wohl nicht möglich. Zumindest gab es von der Brücke aus keine solche Information. Verständlich, denn wir waren ja bereits unter Zeitdruck. Wir schlossen alle Türen, überprüften noch einmal die geflickten Lecks und begaben uns dann in unsere Hängematten. Was konnten wir anderes tun? Nichts.

Der Wellengang wurde immer stärker. Das Schiff hob und senkte sich, während vom Himmel her nicht nur die ersten dicken Tropfen an das Schiff klopften, sondern auch ein mächtiger Donner herunter rollte. Hier und da ging ein Blitz ins Wasser nieder und erhellte das Dunkel rings um die „Große Berta“. RUMMS, machte es dann. Es krachte mal hier, mal da und alles wurde begleitet durch das Grollen in den Wolken. Der Brezelberg im oberen Lager wackelte. Unten hörte man das Salz hin und her rieseln.

RUMMS!, machte es mit einem Mal ganz in der Nähe des Schiffes. Dann ging ein Prasseln hernieder, das nicht nur vom oben gelegenen Deck her, sondern scheinbar auch von allen Seiten an die Wände des Schiffs trommelte. Egal in welche Richtung ich horchte, überall schien der Regen gegen die „Große Berta“ zu peitschen. RUMMS!, da schmetterten die Wolken wieder einen Blitz herunter. Es krachte direkt noch ein zweites Mal – und zwar am Schiffsrumpf. Wir hatten wieder ein Leck.

»Ein Leeeeck!«, schallte es aus dem unteren Lager. Wir sprangen aus unseren Hängematten und ich glitt erst einmal aus. Das Schiff schwankte wirklich stark. Waren die Bewegungen in der Hängematte noch erträglich, so waren sie stehenden Fußes kaum auszugleichen. Vor allem für so einen Leichtmatrosen wie mich. Ich schwankte zum Rand unseres Stegs, fiel dabei mehrfach hin und kroch dann mit Planken und Nägeln bewaffnet zur Treppe nach unten. Alle anderen waren schon dort. Hier und da wurde gehämmert.

Im unteren Lager angekommen erschrak ich. Nicht nur gab es ein neues Leck, zwei der zuvor schon geflickten Löcher waren wieder aufgesprengt worden. Das Wasser floss unentwegt herein. Die hier unten gelagerten Salzberge saugten es zwar auf, trotzdem war es schwierig, sich zu bewegen. Wir mussten einerseits gegen das einströmende Wasser ankommen, und andererseits gegen den Wellengang, der uns hin und her warf. Endlich an einem der Lecks angekommen wurde mir ein Hammer entgegen gehalten. Ich nahm ihn, hielt meine Planken an die Schiffswand und wollte gerade ein paar Nägel einschlagen…

RUMMS! RUMMS! RUMMS! – Es war ein Krach, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Als erstes hatte uns wohl eine mächtige Welle getroffen, die alle Lecks im unteren Lager noch einmal um das doppelte Ausmaß aufriss. Anschließend schoss das Wasser nur so herein, sodass der untere Bereich des Schiffs nun vollkommen unter Wasser stand. Und zum dritten ging ein massiver Blitz nieder, wohl angezogen durch das nun salzig werdende Wasser, das viel besser Strom leitete als zuvor. 

Tja, hätte ich damals schon etwas von der sogenannten Physik gewusst, ich hätte meinen Plan niemals dem Kapitän vorgestellt. Salzwasser leitet Strom sehr gut und deshalb ist ein Leck im Salzlager während eines Gewitters eine sehr schlechte Sache. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass die „Große Berta“ dem Untergang geweiht war. Nicht nur lief sie voller Wasser. Durch den zu hoch liegenden Schwerpunkt, der sich aus den viel zu vielen Brezeln im oberen Lager ergab, kippte das Schiff auch ziemlich schnell. Noch ein-zwei große Wellen, und es brach auseinander.

Wer sich in dem ganzen Tumult an die Wasseroberfläche retten konnte, klammerte sich an einer der umher schwimmenden Holzplanken fest. Immer noch tobte das Gewitter, der Wellengang war beängstigend und Übelkeit erregend gleichermaßen. Gebirge aus dunklen Wellen türmten sich auf während über allem ein schwarzer Himmel grollte und immer wieder ohrenbetäubend laute Blitze herunter schickte. Über allem lag das Prasseln des Regens, der unablässig auf die Wasseroberfläche trommelte.

Ich weiß nicht, wie lange genau ich umher trieb. Relativ schnell verlor ich die anderen aus den Augen. Nach einigen Stunden – ich hatte mich inzwischen auf ein größeres Stück umher schwimmendes Holz retten können – löste sich das Gewitter auf. Der noch wehende Wind trug die restlichen Wolken fort. Nach einiger Zeit konnte ich in der Ferne Land ausmachen. Ich legte mich halb auf mein improvisiertes Floß und strampelte mit den Beinen im Wasser, um dorthin zu gelangen. Erschöpft und völlig entkräftet kam ich nach einiger Zeit an. Und zwar genau an dem Hafen, in dem wir einlaufen sollten.

Die Welt veränderte sich seitdem. Durch meinen absurden Plan auf der „Großen Berta“ habe ich letztendlich dafür gesorgt, dass die Meere auf der Erde salzig geworden sind. Aber nicht nur das. Durch den erhöhten Salzgehalt starb fast die gesamte Flora und Fauna aus, die Lebensgrundlage für viele Lebewesen verschwand und auch das Leben an Land ging damit zugrunde. Zivilisationen gingen unter und das Leben auf der Erde musste sich neu erfinden. Aus dem salzigen Meer entstand neues Leben, daraus auch Tiere auf dem Land, die Dinosaurier, die Säugetiere, die Affen, der Mensch.

Und über diese gesamte Entwicklung hin schrumpfte die Erde. Kein Wunder, denn das viele Salz im Wasser sorgte – wie bei Pökelfleisch oder anderen in Salz konservierten Lebensmitteln – dafür, dass unser Planet von einer prallen Traube zu einer schrumpeligen Rosine wurde. Oder was denkt ihr, wie die Gebirge entstanden sind? Ach ja, und Strände gibt es auch erst seit dem Untergang der „Großen Berta“. Denn was wir heute als Sand kennen, das waren damals Brezeln und Brezelkrümel – heute durch das Salzwasser ausgetrocknete und versteinerte Krumen als stumme Zeugen eines sehr frühen Backhandwerks.

Warum ich diese Geschichte erzählen kann, obwohl sie schon so lange her ist? Weil ich ein Mann von Welt1 bin. Ich habe die Zeiten überdauert und kann euch noch so manche Geschichte erzählen. Denn nicht nur weiß ich über die Geschehnisse auf diesem Planeten bestens bescheid; so wie beim Salzgehalt des Meeres kann ich auch so manches Mysterium lüften. Sogar aus erster Hand, denn die Reise auf der „Großen Berta“ markiert nur den Anfang einer Reihe unglaublicher Ereignisse, welche mit dem Zutun meiner Wenigkeit unsere Welt formten. Aber davon später mehr…

1 = Anspielung auf den Film „The Man From Earth