Fremdwahrnehmung

TAG 1

Ich schaue auf eine Hand und bin der festen Überzeugung, dass es meine eigene ist. Natürlich, ich kann sie bewegen. Und außerdem ist sie an dem Ding befestigt, das ich als meinen Körper wahrnehmen sollte. Ja, ja, das ist meine Hand, aber ich fühle nicht wirklich etwas, wenn ich sie bewege. Alles wirkt automatisch, der ganze Körper, die tägliche Routine und selbst das, was darüber hinausgeht. Der Weg hierher übrigens auch. Ich bin erst das zweite Mal hier, doch den Weg von zuhause habe ich ohne ein Gefühl des Laufens hinter mich gebracht – eine halbe Stunde den einen Fuß vor den anderen setzen, das ging ganz automatisch und ich wünschte, ich hätte wenigstens Asthma, um es irgendwie zu realisieren. 

Ich fühle mich aber nicht wesentlich anders als davor, nicht erschöpft, noch nicht einmal »aufgewärmt«, wie man im Sport wohl sagen würde. Vielleicht etwas müder, aber das kann auch an der Tageszeit liegen. Nachmittags um drei bin ich halt schon zehn Stunden wach. Wie habe ich die Zeit nur zugebracht, heute, gestern, vorgestern? Frühstück, Zähne putzen, Duschen, Arbeiten im Homeoffice, YouTube, Netflix, Pornhub. Das Übliche. Zwischendurch Mittagessen, das tägliche Highlight. Wenigstens meine Geschmacksknospen scheinen noch richtig zu ticken und belohnen meine – übrigens mit großer Langeweile und von mir selbst eher beobachteten als ausgeführten – Kochversuche mit Eindrücken. 

Das sind Eindrücke, die ich als solche verstehe, die ich wertschätzen kann. Sie sind die positivere Erinnerung daran, dass ich noch am Leben bin. Eine der negativeren beginnt in wenigen Minuten im Nebenraum. Denn, liebes, beschissenes Tagebuch: Ich befinde mich im Wartezimmer meiner Therapeutin. Wenn sie ihren vorigen Patienten (oder wie man das hier nennt… Klienten vielleicht?) verabschiedet hat, dann wird sie mich aufrufen. Ich werde mich ihr gegenüber hinsetzen und dann werden wir reden – nehme ich mal an. War ja noch nicht so oft hier. 

Reden… Warum wollen immer alle, dass ich rede. Erstens klingt es schrecklich (es klingt zumindest nicht nach mir), und zweitens habe ich nichts zu erzählen. Am liebsten würde ich sie alle abstoßen, so wie mein Geist anscheinend die Realität abgestoßen hat. Sie sollten mich vergessen, den Kontakt zu mir meiden. Dann könnte ich dem ganzen sinnlosen Herumvegetieren wenigstens ein Ende setzen, ohne dass andere Menschen dadurch irgendwelchen Emotionen ausgesetzt werden würden. 

Mal ehrlich, was soll das Theater? Jeder stirbt. Alle sterben. Meistens ist das darauf zurückzuführen, dass die Bekloppten, die man Eltern nennen muss, ungeschützt herumgevögelt haben und dann nicht die Courage für eine Abtreibung aufbringen konnten – Ich hasse diese Gedanken. Und ich hasse, dass ich neben dem Genuss guten Essens (oder einfach Süßkram) vor allem so Gefühle wie Hass, Ungeduld und Schwermut in mir trage. Ach, „in mir tragen“ – auch so eine Floskel, die sich mir nicht erschließt. Aber ich verliere den Faden, falls ich überhaupt einen hatte. 

Zurück zum Anfang also: Liebes, beschissenes Tagebuch, ich schreibe in dich wie in mein Schulheft als ich mir damals in der Schule die seit einer Woche zu bearbeitende Hausaufgabe kurz vor der Stunde, in der sie kontrolliert werden sollte, aus den Fingern sog. Jetzt also wieder. Was sollte ich schreiben? Ja genau, ich sollte recherchieren, was ich denn haben könnte. Die Therapeutin meint, so würde ich mir schonmal alles zusammengoogeln und wir könnten es von Vornherein abhaken. Naja, wenn sie meint. Wahrscheinlich sitzen bei ihr viele Mentalhypochonder, denen sie erklären muss, dass Doktor Google eben nicht der kompetenteste Ansprechpartner ist, wenn es um die psychische Gesundheit oder deren Wiedererlangung geht… 

So, ich habe gerade über mein Smartphone gesucht und bin am Begriff »Depersonalisation« hängen geblieben. Klingt wie ein Euphemismus fürs Gefeuertwerden. Aber ich finde mich durchaus in der Beschreibung wieder. Nun, hilft mir das? Kann man das Kind, das in den Brunnen gefallen ist, retten, nur weil man seinen Namen kennt? Naja, vielleicht ist es ja auch der falsche Name. Wird sie mir ja sicherlich sagen. Oh, Tür geht auf!

SPÄTER

Liebes, beschissenes Tagebuch. Ich bin jetzt wieder zuhause; die Uhr zeigt aufgerundet 16:45 Uhr. Jetzt beginnt das, was mich immer in der zweiten Tageshälfte heimsucht: das elendige Warten auf die Uhrzeit, zu der mir das Schlafengehen am vertretbarsten erscheint. Es wird wohl noch ein paar Stunden dauern – deshalb habe ich direkt wieder zu schreiben begonnen. Ich soll nun tatsächlich jeden Tag meine Gedanken und Gefühle aufschreiben. Naja, wahrscheinlich werden es mehr Gedanken als Gefühle. Und ich soll das Ganze handschriftlich machen! 

Hätte ich meiner Therapeutin bloß nicht erzählt, dass ich Displays, Monitore, Bildschirme und dergleichen wunderbar finde. Es muss noch nichtmal ein Film laufen, ich muss noch nichtmal etwas zocken – schon ein Textdokument, auf das ich starren kann während es sich mit Buchstaben, Wörtern und Sätzen füllt, die ich wie automatisch mit den aus dem Blickfeld geratenen Händen auf die ebenfalls nicht betrachtete Tastatur übertrage, fasziniert mich. Es ist, als würden die Worte direkt von meinem Unterbewusstsein aus auf den Bildschirm wandern. Hach, manchmal wäre ich gern eine Intelligenz in einem Computer, ein körperloses Bewusstsein, das Eingabe, Verarbeitung und Ausgabe von Informationen effizient abhandeln kann.

Die handschriftliche Texterzeugung ist da anders – da denke ich jedes Wort einzeln und schreibe es auch entsprechend langsam. Ja, ja, es erschließt sich mir, worauf sie damit hinaus will. Ich soll weniger automatisierte Dinge tun, damit mein Leben sich allgemein nicht so roboterhaft anfühlt. Na, mal sehen, ob das klappt. Ob Doktor Google recht gatte, hat sie mir übrigens nicht verraten. Menno. Ich hab keine Lust mehr zu schreiben. Ich schau mir jetzt irgendeine Serie oder so an… Da kann ich wenigstens bis zum Schlafengehen vergessen, dass es mich gibt. Und dann gute Nacht.

TAG 2

Liebes, beschissenes Tagebuch, ein neuer Tag nimmt seinen Lauf. Die Laune heute ist auch gar nicht so miserabel, obwohl ich heut Morgen im Bett über den gestrigen Tag gegrübelt habe. Es ist mir immer unangenehm, wenn ich mit Leuten über längere Zeit reden muss. Small Talk ist ja okay, der ist belanglos und man kann nichts falsch machen. Aber sich zu bestimmten Themen verbal auszutauschen, davor graut mir. Zum einen, weil ich mir das meiste, was von anderen gesagt wird, nicht merken kann. Mein Gedächtnis – so löchrig, wie es sonst schon ist – kann einfach nichts richtig aufnehmen, was nicht verschriftlicht oder mit Grafiken bzw. Bildern aufbereitet ist. 

Und zum anderen, weil ich oft das Gefühl habe, dass die Worte, die aus meinem Mund kommen, direkt aus meinem Unterbewusstsein stammen und vergessen, den Umweg über mein Gehirn zu nehmen. Manchmal höre ich mich etwas sagen und bin selber über mein themenspezifisches Wissen, meinen Satzbau oder meinen Ton überrascht. Manchmal steige ich mitten in einer Diskussion erst in die aktive Wahrnehmung ein und verhasple mich dann, weil ich nicht weiß, wie ich den gerade in der Luft schwebenden Satz begonnen hab. So kann ich ihn dann auch nicht beenden und gerate entsprechend ins Stottern. 

Telefonate hasse ich übrigens abgrundtief. Da hat man noch nichtmal die Leute vor Augen, mit denen man redet – nach einem Telefonat kann ich also keine Erinnerungen an irgendetwas Optischen festmachen. Um also nicht nach dem Auflegen alles direkt wieder zu vergessen, muss ich Protokoll führen. Sogar bei Privatgesprächen. Das nervt. Mich nervt auch das Niederschreiben dieser Gedanken per Hand. Ich verstehe den entschleunigenden Gedanken dahinter – aber ganz ehrlich: Ich spüre nur eine Verlangsamung. 

Klar, theoretisch sind das nur Synonyme. Was ich aber meine, das ist, dass ich auch beim händischen Schreiben mich nur als Beobachter fühle – das Schreiben läuft, da ich ja schon in der Grundschule das Schreiben als Fähigkeit erlernt und zwischendurch immer wieder angewendet habe, automatisch. Ich glaube, ich müsste mich der Kaligraphie widmen, um beim Schreiben wirklich achtsam zu sein, oder anfangen die andere Hand dafür zu benutzen. Wie dem auch sei… Mit diesen Zeilen ist wohl meine Therapie-Pflicht für heute getan. Ich setze mich nun erneut an das sinnlose Tagwerk. Bis morgen!

TAG 3

Hey Tagebuch, ich komme gerade aus der Dusche, wo ich mal wieder etwas festgestellt habe. Mindestens einmal während des Duschens – also mindestens einmal am Tag – kommt mir diese Erkenntnis oder vielmehr: diese Beobachtung. Nämlich, dass ich mich, während mein Körper komplett automatisierte Abläufe durchexerziert, in Gedanken komplett aus dem Hier und Jetzt verabschiede. 

Ich kann mir vorstellen, dass auch andere Leute beim Duschen, auf dem Klo oder morgens im Bett irgendwelchen Tagträumen nachhängen, innere Dialoge führen oder den Tag planen. Aber verlieren sie dabei auch so arg das Gefühl für das, was sie gerade tun? Kurz nachdem ich vorhin in die Dusche stieg und die richtige Wassertemperatur gefunden hatte, bin ich in Gedanken in meine Vergangenheit abgetaucht. Die rudimentären Versatzstücke meiner Erinnerung, die mich zurück in meine Kindheit und Jugend führen, gehe ich durchaus oft beim Duschen durch. 

Manchmal fallen mir dann wieder Momente, Szenen, Orte und Personen ein, die ich vorher scheinbar vergessen hatte – oder einfach nur erfolgreich verdrängt. Aber diesem Füllstoff kann ich nicht vertrauen; eventuell sind es nur Fantasien oder irgendwann mal geträumte Träume, die ich mir zurecht lege, um die damalige Zeit in etwas Größeres einzuordnen, um einen Sinn zu erkennen, der nicht da ist, oder um ein paar positive Puzzlestücke in ein sonst sehr betrübliches Bild zu pressen. 

Wie dem auch sei: Während ich diese Bilder, Szenen und teils auch Dialoge im Kopf habe, sehe ich zwar noch unterschwellig, was ich in der Dusche mache – aber Haare waschen, das Gesicht und den Körper reinigen, alles abspülen und manchmal sogar Wechselduschen laufen derart automatisiert ab, dass ich am Ende – dann, wenn ich die Kabine wieder verlasse – erst einmal wieder in die Realität zurückfinden muss. 

Ich muss mich an einigen Tagen wirklich anstrengen, die Bilder, die Orte, die Geräusche und die Gespräche in meinem Kopf komplett abzuschalten. Bin ich dann wieder im Hier und Jetzt, fühlt sich das erschreckend ernüchternd an. Alles ist ruhiger, alles ist starrer, und ich kann nicht von dem Badezimmer mit den hässlichen Fliesen und den verkalkten Armaturen zu einem anderen Ort, in eine andere Zeit oder in eine andere Szene mit anderen Personen wechseln; so wie das in meinem Kopf funktionieren würde. Ich fühle mich, als ob ich aus der Matrix gerissen wurde, nur um in eine andere Lebenssimulation geworfen zu werden.

SPÄTER

Liebes, beschissenes Tagebuch – jaja, wieder die alte Ansprache, aber das aus gutem Grund: Ich komme nämlich gerade wieder aus der Dusche. Zum Mittag hatte ich mir seit Ewigkeiten mal wieder ein Gericht mit Crème fraîche gemacht. Entweder war die Pampe schlecht oder ich hab mir in den letzten Jahren Milchprodukte so dermaßen abgewöhnt, dass ich sie jetzt gar nicht mehr vertrage. Jedenfalls hat es nicht lange gedauert und ich saß mehrmals mit krassen Bauchschmerzen auf dem Klo. Es floss nur so – und zwar aus allen Schleusen. 

Nach dem vierten Mal war dann Ruhe, hat auch „nur“ zweieinhalb Stunden gedauert insgesamt. Ich hab noch eine Stunde gewartet, aber selbst die drei Tassen Tee, die ich in der Zeit getrunken hatte, wanderten nicht gleich durch, sondern hielten sich an den regulären Ablauf. Also ging ich duschen. Ich fühlte mich einfach zu dreckig, um den weiteren Tagesablauf einfach so wieder in Angriff zu nehmen. Aber dieses Mal lief nicht alles so automatisch ab wie am Morgen. 

Ich ging auf Nummer Sicher und wusch mich an den kritischen Stellen gleich mehrfach. Das habe ich versucht, so bewusst und aufmerksam wie möglich zu machen. Alles in Allem habe ich meinen Körper damit heute doch noch etwas bewusster wahrgenommen als ich es noch am Morgen gedacht hätte. Jetzt fühlt er sich aber schon fast wieder an wie vorher, in meinen Eingeweiden rumort es auch nicht mehr. Zudem fühle ich mich sauber. Naja, damit wieder zurück an die Arbeit – noch ein paar Stunden auf einen Bildschirm starren und Sachen eintippen…

NOCH SPÄTER

Tja, was soll man sagen? Das heut Mittag war ein schmerzhafter, aber interessanter Ausflug in das Land der Achtsamkeit – hab seit Langem mal wieder auf die Signale meines nichtsnutzigen Körpers achten müssen. Jetzt ist aber alles fast wieder beim Alten. Ich muss wohl knapp vier Stunden dagesessen und mit starrem Blick auf den Monitor Informationen recherchiert, aufbereitet, verschickt und gespeichert haben. Tastatur und Maus waren mir mal wieder wie angewachsen. Und zwischendurch fühlte ich mich mal wieder, als würde ich nur aus Augen und Betriebssystem bestehen. Aber auch gut. So sind mir Puls, aufkommende Kopfschmerzen, Haltungsprobleme und dergleichen egal.

TAG 4

Liebes, beschissenes Tagebuch, nach einem Hoch folgt natürlich immer ein Tief. Denn obwohl ich gestern durch Schmerzen und ungewöhnliche Ausscheidungsvorgänge näher an einem aktiven Empfinden für meinen Körper war als längere Zeit zuvor, kann ich dies über den heutigen Tag nicht sagen – und das, obwohl ich aus meinem mich isolierenden Trott ausgebrochen bin. 

Es gibt ja dieses verballhornte Sprichwort »Das Ziel ist im Weg«; und vielleicht liegt darin der Knackpunkt. Denn das Ziel war heute das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Dort habe ich meine Mutter besucht. Natürlich gab es Streit. Natürlich gab es von mir in lauten Worten geäußertes Unverständnis über ihre allgemeine Unkenntnis, über ihre Unfähigkeit zu diskutieren und über ihre antiquierten Ansichten. 

Nun gibt es zwei Dinge anzumerken: Erstens werde ich nicht detaillierter auf den Streit und seine Inhalte sowie seine Gründe eingehen (denn ich bin auch im Rahmen der Therapie noch nicht gewillt, in dieser Richtung Aufklärungsarbeit in mir drinnen zu leisten). Zweitens schreibe ich »natürlich«, weil es immer laut wird und ich mich bei meiner Mutter immer über gewisse Dinge aufrege. Das ist ein ganz eigener Automatismus, bei dem ich mir zusehe und zuhöre. 

Ich höre die Worte aus meinem Mund und ich kann den Ton, in dem ich sie spreche, wahrnehmen. Es wäre allerdings gelogen, wenn ich behaupten würde, es täte mir leid. Aber im Moment der Realisation wünsche ich mir manchmal, dass ich ihr erklären könnte, was genau mich stört – und zwar so, dass sie es nicht nur in dem Moment versteht, sondern nachhaltig für eine Besserung unseres Verhältnisses, an dem ich natürlich auch arbeiten müsste, einsetzen kann. 

Doch das bedeutet Arbeit bzw. Aufarbeiten. Und das ist schwer. Vor allem in diesem Haus – an dem Ort, an dem ich mir das Verdrängen, das Abstoßen der Realität, die Isolation und die Flucht in virtuelle Welten angeeignet habe. Genau dort überkommt mich der Automatismus am meisten. Wenn ich rede, höre ich mir maximal zu, manchmal noch nichtmal das. Meist spreche ich eh nur die immer gleichen Antworten auf »Wie geht’s dir?«, »Was macht die Arbeit?«, »Wann gibt’s Enkelkinder?« und so weiter. 

Wenn ich durch das Haus laufe, tragen mich meine Füße wie von selbst. Wenn ich im Garten am Haus die Pflanzen und Beete betrachte, fühle ich mich leer. Da sind Kartoffeln, Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, Kohlrabi und sogar Bäume mit Zitrusfrüchten – für mich sind das alles Schablonen in Grün- und Brauntönen mit vereinzelten Farbtupfern. Verschiedenfarbige Versatzstücke, die wie eine billige Collage etwas zu vermitteln versuchen, das sich mir nicht erschließt. 

Zurück zuhause musste ich meine negativen Emotionen (ich scheine nur solche zu haben; etwas Positives wäre auch mal nett) wieder auf das altbewährte Nulllevel bringen. Allein Schokokekse konnten mir dabei helfen, mit ein bisschen Unterstützung von Netflix. K-Dramas, bei denen ich den Untertitel lesen muss, um das gesprochene Koreanisch sinnvoll einordnen zu können, vereinnahmen mich als Beruhigungsmaßnahme ausreichend, um im Zusammenspiel mit Gaumenfreuden eine Erdung meiner Emotionen hervorzurufen. Das hat heute wieder gut geklappt.

Anschließend habe ich die Wohnung ein bisschen aufgeräumt, den Abwasch gemacht und dann versucht, mich an aktiv und bewusst von mir durchgeführte Handlungen während dieser Hausarbeit zu erinnern. Ich bekam dabei zwar hier und da schemenhafte Bilder zusammen, aber nichts davon war voller Bewusstsein geschehen. In traumwandlerischer Sicherheit kann ich wohl den Abwasch erledigen, Töpfe, Pfannen, Teller, Besteck und dergleichen reinigen sowie mit einem Küchentuch trocknen und am angestammten Platz im Schrank verstauen. 

Kein Missgeschick, keine übersehenen Essensreste, kein zusammengefallener Turm aufeinander gestapelter, tropfnasser Geschirrelemente. Alles läuft reibungslos; nur eben ohne bewusste Steuerung und klare Erinnerung. Brauche ich mal etwas komplett Neues? Muss ich nochmal auswandern, diesmal die neue Sprache perfekt lernen und dazu noch eine Ausbildung zur Tauchlehrkraft machen? Was muss geschehen, damit ich wieder bewusst meinen Körper steure und seine Signale vollends wahrnehmen kann? 

Oder kann ich das gar nicht? Gibt es kein »Wieder«, weil es kein »Zuvor« gibt? Muss ich mich damit abfinden, dass ich nur bei komplett außergewöhnlichen Dingen wie Krämpfen im Verdauungstrakt das Gefühl bekomme, wieder im Hier und Jetzt zu sein? Und nach wie vielen Stunden bei einer Domina, die sich nach Herzenslust an mir austobt, würde auch da eine Abstumpfung einsetzen? Naja, was auch immer… Ich werde mich jetzt in Videospielen verlieren. Vielleicht ist das ja auch alles ganz normal und Menschen stumpfen mit fortschreitendem Alter ab, weil sie sich an alles, was ihr Leben bestimmt und ausmacht, vollumfänglich gewöhnen.

TAG 5

Ich kann mich nicht mit dem Bild identifizieren, das mir der Badezimmerspiegel aufzeigt. Wer ist diese Person? Klar, das soll ich sein, aber ich spüre diesen Umstand nicht, diese Annahme, diese Theorie… 

Ich habe gerade gut und gerne zehn Minuten in den Spiegel gestarrt und versucht, die Wahrnehmung, die ich von meinem Körper habe, mit der Person, die da aus dem Spiegel zurück gestarrt hat, zusammenzubringen. Es funktionierte einfach nicht. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich an dem Spiegelbild meines Körpers und meines Gesichts vorbei auf die Spiegelung meines Bads geschaut habe. Auch dieser Raum kam mir surreal vor. 

Als ich mich dann umsah, also in der sogenannten Realität, kam mir das Bad auch surreal vor. Ich konnte nicht anders als mich in meine Gedankenwelt zu flüchten. Darin habe ich ein paar Bekannten mein aktuelles Lieblingsvideospiel erklärt – in allen Facetten. Nach einer halben Stunde  etwa stand ich immer noch im Bad; in meinem Kopf saß ich aber auf einem Sofa, an einem Tisch, mit Snacks und Tee. Und das war für mich realer als die Fliesen, die Dusche, das Klo und das Waschbecken. 

Wahrscheinlich ist es eine Episode, ein Peak im Verlauf der Wahrnehmungsstörung (falls man das so nennen kann). Irgendwas mit vermehrter Realitätsflucht. Bin gespannt, was meine Therapeutin dazu zu sagen hat. Da fällt mir ein: Gestern kam mir meine Teekanne lächerlich klein vor, zumindest kleiner als sonst. Ich habe bestimmt fünf Minuten oder so überlegt, ob mir meine Tasse einfach nur größer vorkam. Aber nein, die Kanne schien geschrumpft zu sein – das war wohl der Anfang der Episode. 

Nun, da ich sie als solche annehme, endet sie hoffentlich bald. Denn obwohl ich in meiner Fantasie eine Zuflucht finde und in meinem Kopf ein tolles Refugium habe, so ist das Zurückkommen in die Realität, die ich anschließend noch lange anzweifle, immer sehr schwer und auch sehr ernüchternd. Es schafft mich mental extrem. Ich würde gern mit Körper und Geist im Einklang sowie aktiv im Hier und Jetzt leben, dauerhaft. Hoffentlich geht das irgendwann, bevor ich die Kraft verliere, das alles auszuhalten. Düster, düster…

TAG 6

Hallo Tagebuch, es gibt einen Sweet Spot, wenn es um Schlafmangel geht. Hat man viel zu wenig geschlafen, ist man müde, demotiviert und hat Kopfschmerzen. Schläft man zu lange, ist dann quasi das Gleiche der Fall. Bei ausreichend Schlaf funktioniert man als normaler Mensch wahrscheinlich am besten. Aber bei psychischen Problemen ist ein gewisses Maß an Schlafmangel für Produktivität, gute Laune und Euphorie verantwortlich. Dazu gibt es sogar Untersuchungen an Depressiven. 

Ich weiß nicht, ob und in welchem Maß ich „nur“ depressiv bin, aber auch bei mir wirkt sich ein Schlafdefizit von zwei bis drei Stunden pro Nacht durchaus positiv aus. Halte ich das über mehrere Nächte durch, mache ich keinen Mittagsschlaf und stehe ich früh morgens direkt auf, ohne nochmal eine Stunde oder so weiter zu schlafen, kann der positive Effekt eine oder sogar zwei Wochen andauern. 

Sowohl bei der Arbeit als auch hinsichtlich der Freizeit ist das recht angenehm, nur eben schwer beizubehalten. Disziplin heißt hier das Zauberwort. Das ist mir heute so eingefallen. Denn aktuell hänge ich mal wieder durch und spüre nichts von dem gerade Beschriebenem. Ich muss wieder regelmäßig ins Bett und regelmäßig früh aufstehen. Gegen 22:00 Uhr schlafen und um 4:00 Uhr dann raus aus den Federn. Klingt krass, aber das hat mir schon mehrfach geholfen, gerade in Zeiten, in denen es viel zu arbeiten gab und täglich neue Aufträge reinkamen. 

Da habe ich neben neun bis zwölf Stunden Arbeit am Tag noch genug Zeit und Energie gefunden, um sowohl morgens als auch mittags eine ordentliche Mahlzeit zuzubereiten und zu verspeisen. Vielleicht sollte ich das Projekt Schlafmangel mal mit meiner Therapeutin besprechen – übermorgen muss ich ja wieder hin. Ich werde mir mal eine neue Route zu ihrer Praxis heraussuchen, damit ich neue Eindrücke bekomme und den Weg nicht wieder automatisch ablaufe. Mal sehen, was sie sagt. Ich finde meine Idee, weniger zu schlafen, um besser gelaunt durch den Tag zu kommen, eigentlich ganz gut – nur der Schweinehund findet’s scheiße. 

TAG 7

Liebes, beschissenes Tagebuch, gibt es eigentlich bei allem, was man eigentlich meiden sollte, die Gefahr des Rückfalls? Ich meine damit nicht nur so krasse Sachen wie Alkohol, harte Drogen und Spielsucht, sondern auch mit Müdigkeit zusammenhängende Angewohnheiten wie Kaffeetrinken oder Mittagsschlaf machen. Gerade letzteres kann ja schnell nach hinten losgehen, wenn aus dem angestrebten Power Nap ein mehrstündiger Tiefschlaf wird. Dann kann man abends ewig nicht einschlafen und der ganze Rhythmus ist versaut. 

Selbstverständlich beruht die Frage auf meinen heutigen Erlebnissen. Nebst der Arbeit war ich heute auch anderweitig fleißig; ich hab Gläser zum Container geschafft (das Hineinschmeißen und Zerschmettern der Gläser macht immer noch so viel Spaß wie als Kind), dann habe ich mir ein umfangreiches Frühstück mit Waffeln und Obstsalat gemacht, und zum Mittag gab’s selbst gemachtes Sushi. Viel Küchenarbeit heute also – entsprechend auf eine Auszeit bedacht war ich dann am frühen Nachmittag. 

Aus dem Versuch, einen Power Nap vor ein paar weiteren Stunden Arbeit am Rechner einzuschieben, wurde ein eineinhalbstündiges Schläfchen. Danach war ich noch müder als vorher, was ich mit Kaffee zu beheben versuchte. Es glückte. Naja, dann klappte zwar der Rest der Arbeit, aber optimal ist das sicher nicht. Oder verlange ich einfach zu viel von mir selbst? Will ich besser funktionieren als ich es kann? Immerhin habe ich heute mein Arbeitspensum geschafft – ohne Nickerchen und Kaffee wäre mir das sicher schwerer gefallen. 

Nun ja, das hat alles nichts mit meiner Selbst- oder gefühlten Fremdwahrnehmung zu tun, glaube ich. Außer meine Therapeutin sagt mir morgen, dass meine Versuche zur Selbstoptimierung zu einer Entfremdung von Körper und Geist führen oder irgendetwas derartiges. Vielleicht rät sie mir zu jener Art von Achtsamkeit, die von Berliner Hipstern gern in esoterischer Manier zelebriert wird. Vielleicht sollte ich auch einfach die morgige Sitzung abwarten. Nun denn, zumindest hat das Ganze für einen Eintrag ins Tagebuch gereicht. Morgen ist Therapie, mal sehen, was da abgeht. Tschau!